Die Zensur einer Neuenfels-Inzenierung der Mozart-Oper „Idomeneo”wirft die Frage auf, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit im Theater liegen. Wir haben in der Luxemburger Theaterszene nachgefragt.
2003 interpretiert Hans Neuenfels Mozarts Oper „Idomeneo” neu und löst damit eine große Polemik aus. Seine Inszenierung setzt sich neben den anderen großen Weltreligionen auch mit dem Islam auseinander. Am Ende von Neuenfels’ Interpretation werden die vier Götter Poseidon, Buddha, Jesus und Mohammed von Idomeneo, dem König von Kreta, enthauptet und ihre Köpfe werden anschließend demonstrativ auf die Bühne gestellt.
Die Premiere findet 2003 in Berlin statt, drei Jahre später nimmt Kirsten Harms, die Intendantin des größten Opernhauses der deutschen Hauptstadt, die Oper aus dem Spielplan, mit der Begründung, es gebe „durchaus ernst zu nehmende Hinweise”, die es notwendig machten, Neuenfels’ Inszenierung zu stoppen. Die Entscheidung führt zu heftiger Kritik, auch Neuenfels äußert sich dazu. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt er: „Es sind vier Köpfe, das ist ganz wichtig - der von Mohammed ist nur einer davon. (...) Es geht um die subjektive Sicht des Idomeneo, der am Ende den Fanatismus keiner Religion mehr mitmacht und sich aus allen Bindungen löst. (...) Die Inszenierung richtet sich weder gegen den Islam noch gegen eine andere Religion, sondern ist ein Diskurs über Religionsstiftung.” Die Bundesregierung meldet sich ebenfalls zu Wort und kritisiert die Entscheidung der Berliner Oper. Kulturstaatsminister Bernd Neumann erklärt: „Wenn Sorge vor Protesten zur Selbstzensur führt, gerät die freie Rede in Gefahr”.
Die Entscheidung der Intendantin der Berliner Oper, die Neuenfels-Inzenierung der Oper „Idomeneo” aus diffusen Befürchtungen heraus abzusetzen, wirft die Frage auf, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit im Theater verlaufen und wie weit ein Intendant oder Theaterleiter in ein Stück eingreifen oder eine Aufführung gar zensieren darf. „Gar nicht“, erklärt Fränk Feitler, Direktor und Intendant des Großen Theaters der Stadt Luxemburg. „Ich bin der Ansicht, dass es nicht am Direktor ist, in den Inhalt eines Stücks einzugreifen. Ein Bühnenwerk kann immer verändert werden, indem man Vorschläge des Regisseurs oder des Choreografen akzeptiert.“
Der Schauspieler Marc Limpach beschreibt die Grenzen der Meinungsfreiheit im Theater so: „Ich bin der Meinung, dass das Strafgesetzbuch genügend Richtlinien enthält, an die man sich halten soll, wenn man in einem Rechtsstaat lebt. Ansonsten ist man frei, aber man soll jetzt nicht einer einzelnen Person schaden wollen und das Theater dazu benutzen, um Leute anzugreifen oder zu verleugnen.” DieseSichtweise teilt auch sein Schauspielkollege Luc Spada, der die Ansicht vertritt, die Grenzen der Meinungsfreiheit auf der Bühne lägen dort, “ wo es nicht mehr um die Sache geht, um die Erzälung einer Geschichte, wo also die Kunst missbraucht wird um anderen zu schaden.” Für sich selbst formuliert der Nachwuchskünstler ein Prinzip. “ Ich lasse mir aber nicht verbieten, etwas auf der Bühne zu sagen, nur weil jemand sich aus dem Publikum sich angegriffen fühlen könnte, sei es aus religiösen, sozialen oder politischen Gründen.”
Viele Theaterstücke und Bühnenwerke werden geschrieben, um zu provozieren, sei es politisch, religiös oder durch die Darstellung von Stereotypen. Wie weit aber darf diese Provokation gehen? Marc Schmit, bekannt unter seinem Künstlernamen Hoppen Théid, äußert sich so zu dieser Frage: „Es gibt keine Grenzen der Meinungsfreiheit im Theater. Man soll tun können, was man will, solange es nicht unter die Gürtellinie geht, denn die Leute können ja entscheiden, ob sie sich eine Aufführung anschauen wollen oder nicht.” Dabei verlaufen die Grenzen zwischen künstlerischer Freiheit und als verletzend empfundener Provokation oft fließend, denn es ist ein sehr subjektives Thema: Manche Leute fühlen sich schon angegriffen, wo andere noch darüber lachen. Dazu erklärt Luc Spada: “ Man darf nie vergessen, dass man missbraucht werden kann. Aus diesem Grund muss einem bewusst sein, dass man eine Verantwortung trägt, wenn man auf der Bühne steht. Wenn Menschen gezielt persönlich angegriffen und verletzt werden, sind für Frank Feitler die Grenzen erreicht. Dennoch sagt er: „Verbieten darf man das aber nicht.“ Das Theater ist ein ganz spezielles Medium, denn es muss und will nicht so kommerziell sein wie der Film. Bühnenstücke müssen nicht immer die Meinung der Mehrheit widerspiegeln, um gut beim Publikum anzukommen. Aus diesem Grund sind die Regisseure und Stückeschreiber auch freier in dem, was sie tun.
Außerdem bietet das Theater den Künstlern eine Vielfalt an Möglichkeiten, ihre Meinungen zu äußern. So ist Polen beispielsweise für sein absurdes Theater berühmt, das es den Künstlern ermöglicht, Verboten zu umgehen und den Staat zu kritisieren, ohne ihn direkt anzugreifen. Auch die Luxemburger Theaterszene setzt immer wieder Akzente.
Die Frage, die sich stelle, sei: “Wie gehen wir mit Meinungen um, ohne immer in Extremen zu landen, frei, sachlich, tolerant, ohne Hetzerei.” „Das Theater ist einer der freisten Branchen, die es noch gibt, eine, in der man am meisten von seinen Freiheiten profitieren kann. Solche Freiheiten soll man nutzen und nicht in einen Schrank stecken, denn dann sterben sie. Deswegen ist es wichtig, dass wir diese Freiheiten im Theater in die Hand nehmen”, bestätigt Marc Limpach. Auch Jhemp Hoscheit zählt die Meinungsfreiheit zu den wichtigsten Werten überhaupt: “Viele Leute haben dafür gekämpft und bei ihrem Einsatz für die Meinungsfreiheit auch ihr Leben gelassen. Nur wenn wir sagen dürfen, was wir denken, sind wir frei. Kein Staat, keine Regierung oder Religion hat das Recht, dem Menschen seine Recht auf freie Meinungsäußerung zu nehmen und ihn somit zu unterdrücken.“
So fand am ersten Jahrestag des Attentats auf das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo im hauptstädtischen Kasemattentheater eine Lesung statt unter dem Motto „LIBERTÉ(S) – mehr als nur Gedankenfreiheit”, – Für Marc Limpach der die Texte ausgewählt hat, war der Jahrestag des Attentats der Anlass für den Abend. Aber es ging um mehr als um dieses Attentat. Die Ankündigung darauf, dass Presse- und Meinungsfreiheit sowie künstlerische Freiheit „die Grundlagen einer offenen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft“ seien. Diese Freiheiten seien zu allen Zeiten bedroht gewesen und seien es heute wieder, nicht nur durch weltweiten Terrorismus, sondern auch durch die staatliche Verfolgung kritischer Künstler und den „freien Markt des Konsums“, der in der westlichen Welt die Existenz vieler Zeitungen und Zeitschriften bedrohe. In Luxemburg gehe es vielleicht weniger um Meinungsfreiheit, als eher darum, was passiert, nachdem man seine Meinung gesagt hat, meint Luc Spada.