Vorbilder, Chancen, Risiken

Über die Autoren

Mit Christa Brömmel beim „Cid femmes“ haben wir uns über die Namensgeberin unserer Schule, die Bildungschancen und Zukunftsperspektive für Mädchen früher und heute und noch immer bestehenden Herausforderungen im Bemühen um die Frauenrechte unterhalten.

LAML: Wann ist „Cid femmes” überhaupt entstanden? Und warum?

C. Brömmel: Diese Bibliothek wurde 1992 gegründet. Eine Gruppe von Frauen hatte sich in den 1980er Jahren für die Frauenrechte stark gemacht und dieser Verein hatte den Namen „Mouvement de libération des femmes“. In Frankreich war diese Bewegung sehr berühmt und auch äußerst aktiv. Doch nach einiger Zeit interessierte sich keiner mehr dafür und alles ging den Bach runter, bis eine Gruppe von Frauen, die die Errungenschaften beibehalten wollten, nach ausländischem Vorbild gegründet haben.

LAML: Ist Aline Mayrisch ein Vorbild für junge Frauen des 21. Jahrhunderts?

C. Brömmel: Ich persönlich bin der Meinung, dass Aline de Saint-Hubert, so ihr Mädchenname, ein Vorbild sein kann, und zwar in Bezug auf euer Thema, die Frauenrechte, aber auch in Bezug auf die Bildung. Aline kam aus gutem Hause, war also kein armes Mädchen und erhielt dank ihren Eltern eine Bildung, die aber ausschließlich auf Mädchen und ihre künftige Rolle ausgerichtet war. Früher war es ja so, dass Jungen und Mädchen in getrennte Schule gingen und dementsprechend auch anders ausgebildet wurden. In Luxemburg war es den Mädchen erlaubt, die primärschule besuchen, jedoch durften sie keine „Première“ machen, was aber zu dieser Zeit sehr wichtig war, um später auf eine Universität gehen zu dürfen. Aline Mayrisch hat sich dann dafür eingesetzt, dass die Mädchen ein Recht darauf hatten, diesen Abschluss machen zu können. Zudem war sozial sehr aktiv, denn sie hat ja das „Roten Kreuz“ hier in Luxemburg gegründet und war lange dessen Präsidentin. Auch im Bereich der Kultur war sie sehr engagiert und eben im Kampf für die Interessen der Frauen. Somit ist sie ein Vorbild für viele junge Frauen, auch die Frauen und Mädchen aus dem 21.Jahrhundert, vorausgesetzt, dass diese sie kennen. Schade ist eigentlich nur, dass das Lycée zwar nach ihr benanntwurde, jedoch nicht mit dem Namen, unter dem sie zur Welt kam, sondern mit dem Namen, den sie erhielt, als sie geheiratet hat. Ihr Mädchenname ist also sozusagen unter den Tisch gefallen.

LAML: Welche Möglichkeiten und Zukunftsperspektiven hatte ein 17-jähriges Mädchen damals im Vergleich zu heute, insbesondere wenn es aus bürgerlichen Verhältnissen stammte?

C. Brömmel: Man muss sagen, dass die Verhältnisse immer eine Rolle gespielt und dazu beigetragen haben, ob ein Mädchen nun eine gute Ausbildung erhielt oder eine weniger gute. Anders als die Mädchen aus gutem Hause hatten die Mädchen aus einfachen Verhältnissen nicht so viele Möglichkeiten, auf Bildung. Mädchen aus einer reichen und gesellschaftlich hoch angesehenen Familie hatten einfach bessere Chancen, weil die Eltern ihnen die Bildung finanzieren konnten. Jedoch haben die meisten der Frauen mit einer guten Ausbildung nicht geheiratet, da sie sonst als Hausfrau zuhause hätten bleiben müssen. Denn es passte nicht ins Bild der damaligen Zeit, dass eine Anwältin, Ärztin oder Direktorin einer Schule zugleich auch verheiratet sein und sogar Kinder haben konnte. Wenn die jungen Frauen das Glück hatten, eine gute Ausbildung zu genießen, wollten sie auch die Möglichkeiten ausschöpfen, die sich ihnen dadurch boten. Und das konnten sie in der Regel nicht, wenn sie heirateten. Wenn man das dagegen mit heute vergleicht, stehen Mädchen, egal aus welchen Verhältnissen, alle Möglichkeiten und Optionen offen. Alle können heutzutage zur Schule gehen und lernen, was sie möchten, vorausgesetzt sie sind motiviert und haben Spaß an Bildung.

LAML: Was bleibt heute noch zu bekämpfen? Was wurde noch nicht erreicht?

C. Brömmel: Aline Mayrisch hat in ihrer Zeit ja sehr viel erreicht, doch es gibt auch heute noch einiges, behoben werden muss. Das gilt zum Beispiel für die Gleichberechtigung unter den Geschlechtern, die ja in der Verfassung steht. Obwohl sich hier schon viel getan hat und der Staat versucht, noch bestehende Ungleichheiten aus dem Weg zu räumen, gibt es doch immer noch Bereiche, wo die Gleichstellung von Mann und Frau nicht erreicht ist. Zum Beispiel verdienen Frauen im Durschnitt weniger als Männer in gleichwertigen Berufen. Dies variiert mit dem Sektor und mit dem Ausbildungsniveau. Im Staatssektor ist die Differenz zum Beispiel ganz gering und im Privatsektor ist es eher so, dass der Unterschied höher ist. Ein anderer Aspekt, den ich als sehr wichtig empfinde, ist der der Gewalt. Ich spreche hier von sexualisierter Gewalt, die ja jetzt. z. B. mit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln wieder sehr aktuell ist. Diese Gewalt wird vor allem von den Männern gegen Frauen ausgeübt, sie zeigt sich im Bild der Familie, auf der Arbeit, im alltäglichen Umgang. Hier muss sich sicher noch etwas ändern.